I don’t love you anymore. It’s over.

auf den kacheln im u-bahnschacht: jorge luis borges. ich verschwand in seinen zyklischen nächten, ohne anfang und ohne ende, tief in eine stadt ohne namen, in jede form von wetterzeichen. mein ganzer geist gehüllt im porösen kleid aus wolken, wartete ich jahrelang bei windbruch an marfas grab, ohne furcht vor dem wahnsinn und im glanz der augen einer schwester, kurz vor dem letzten schuss crystal meth. ich konnte dieses leben nicht retten, sprang aus dem universum durch alle welten, in das letzte schwarze loch aus ausgewählten gedichten; denn hier unten fühlte ich mich sicher, mit deinem herzschlag aus glas und dem schriftzug auf den kacheln: I don’t love you anymore. It’s over.

als der nebel die stadt verließ

die nacht verschluckt mich im ganzen, denn es war die zeit die aus dir sprach: der tod ist nichts schlimmes. und als du regen angekündigt hast, in diesem kleinen café in köln, da wusste ich gleich, es wird kein wiedersehen mehr geben; denn mein leben lang kannte ich nur die ränder des nebels, unmöglich der übergang in einen anderen aggregatzustand, wie er sich als schleier über die fassaden der beleuchteten häuser legt, mit seinen undurchsichtigen augen und seinen händen aus angst, seit jahren meinen schlaf bewacht. und als du stunden später das café verließest, verließ auch die liebe deinen körper. und als tage später der nebel die stadt verließ, verließ mit ihm auch meine seele den körper.

und levin westermann schreibt, dass rebecca reilly schreibt

alles in mir zerbrach. alles in mir war zerbrochen.

und wer kann auch schon, außer man selbst, das gewicht, die schwere erahnen, mit der ein ganzer planet, eine ganze welt zerbricht und dann pulverisiert. was dich einmal bis auf deinen kern sah, was dich dort tief traf, bis in jedes molekül, bis in deine DNA; das alles braucht eine neue welt und diese welt braucht dann eine neue zeit, um zu heilen, um wieder ein ganzes zu werden.

und hasune el-choly schreibt:

seit monaten unterwegs, um wieder leben zu lernen. und immernoch dabei.

über stunden ergrauen

wo ist der himmel hin, seine wolken und das licht? kam die nacht über uns, brach das dunkel ihres schattens in die stadt ein und permanent bleibt mit ihm die hoffnung, dass ich eines tages wirklich zurück komm und nichts mehr wie es war ist. ich vermeide die straßen des siebten august‘ nicht mehr, gehe über die trümmer, ohne worte, wie in einer stummfilmszenerie. denn gestern war ich gloria swanson, heute bin ich klausjürgen wussow; ein mystiker unter den vätern, die in ihren verzweifelten stunden tief in die stille des brunnens fielen, gefühlt über stunden ergrauten. und bis alles wieder gut wird, verbrennen die zweifel, die wolken und die fragen, verstummen ihre echos, das licht und ihr schatten.

Gedichtband zur Eröffnung des Humboldt Forums Berlin

„Das Humboldt Forum Berlin wird Ende 2020 bzw. im Lauf des Jahres 2021 eröffnet werden. Im APHAIA Verlag wird dazu ein Gedichtband mit speziell für diesen Anlass geschriebenen Texten von Dichterinnen und Dichtern aus aller Welt erscheinen.

Mit dabei sind u.a. Maricela Guerrero und Johanna Schwering, Armin Steigenberger, Lina Atfah, Jordan Lee Schnee, Jürgen Brôcan, Luis García Montero und André Bastian, Sjón, Tobias Roth, Nicoletta Grillo, Luís Quintais, Jorge Locane, Maddalena Bergamin, Hasune El-Choly, Anna Hetzer, Timo Brandt, Steffen Marciniak.“

Hier gehts zur Pressemitteilung.

wie ich unterwasser atmen lernte

haux aus den alten lautsprechern. erinner mich an die lichtspuren,
an deine lippen, rissig. an den geruch von kardamom, an den geschmack der 6th avenue, an die roadmovie-abende. an den schmerz in der herzgegend, magengrube.
an samstage mit cheesecake am main,
wie du vom himmel in die strömung fielst, wie ich in die fluten sprang, in felsenfester überzeugung, dort ertrunken zu sein.

schlepptest dich von der notaufnahme
zum friedhof, vom heimweh zum highway, im glitzerstaub dein blick tief wie die ozeane, kryptisch wie immer, aller naturgesetze zum trotz; fandest du wieder zu dir, aber keinen meiner namen auf den grabsteinen.

wir könnten hier weitermachen

thien schreibt von der royal society of madness, wie man mit sauerstoffflaschen in die tiefe steigt. ich lese seine alten zeilen und gedichte. auf dem fensterbrett verwelkte blumen, von den tagen als U. zu besuch war. erinner mich an den moment kurz vor der narkose, an den applaus, an das publikum, an ihr stimmgewirr, an eine leise ahnung, aber an keine spur von dir. mein blick wandert aus dem fenster, die letzten tage in der wohnung am gleisdreieck; denke noch, jede stunde fährt ein zug zu dir. bis in die abendstunden verfluche ich den regen, den himmel und die leere. habe aufgehört dir briefe zu schreiben, habe den bezug zu den wolken verloren.

kurznotiz.

in einem zimmer voller hoffnung, am ende eines langen flures, eingehüllt in sterilen träumen, angeschlossen an maschinen, liegt eine leise ahnung vom abschied in erinnerungsfetzen.

es gibt keine metaphern mehr.

keine lippen die leise und bedächtig worte formen, in geschichten durch die jahre reisen, um bis ins kleinste detail eine welt zu beschreiben, die aus molekülen entstand und wieder in ihre moleküle zerfällt. ich schleiche langsam durch die räume, berühre mit den fingerspitzen das, was uns menschen überdauert. bewundere, diese erstaunliche beständigkeit der gegenstände. das mobiliar, die tapeten, die bilder an den wänden. relikte, wie steine, wie mineralisierte lebewesen, die im staubsarkophag einfach weiter atmen werden. aus dem geöffneten fenster die nacht, mit ihrem dunklen antlitz, wie erz aus den tiefen der gruben, getränkt im hellen schein des mondes; beobachte ich die schönheit der sterne am himmel. und die zeit fällt senkrecht zu boden.